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Looking through the Glass into the future?

Diese Tage erregt wohl kein anderes Gadget solche Aufmerksamkeit, wie die AR*-Brille von Google namens Glass. Viele meiner Bekannten fragen mich nach meiner Meinung.

Ich glaube, dass AR einer der Technologien ist, die unsere Welt signifikant verändern wird. Als natürliche Evolution des Internets und der darauf basierenden mobilen Anwendungen und Dienste. Ubiquitous Computing, die Allgegenwärtigkeit der elektronischen Helferlein, rückt damit noch stärker im wahrsten Sinne des Wortes in unser Blickfeld.

Allerdings glaube ich nicht, dass Google die revolutionäre Lösung dazu in den Händen hält. Der Grund dafür ist die unzureichende Mensch-Maschine-Interaktion. Zur Erinnerung: Handys wurden immer komplexer. Trotzdem waren ihre Eingabemodi nicht dazu geeignet, mit dem Internet zu interagieren. Wer vor 6 Jahren mal versucht hat, mit einem Blackberry im Internet zu surfen (was tatsächlich machbar war…), weiß, wovon ich spreche. It was pain in the a.., wie die Amerikaner sagen würden. Ich vermute, das gleiche gilt für Glass. Das reizt ja gerade zu einem Limerick:

I bought me a Glass
’cause geek appeal it has
I was a cool dude
but interaction was rude
for my eyes it was pain in the a…

Apple hat die Revolution eingeleitet, indem es den Bildschirm zu Eingabemedium machte. Dies zusammen mit der Touch- und Gestensteuerung war der entscheidende Schritt. Eine AR-Brille, die mit Sprache gesteuert wird, ist alles andere als revolutionär.

An dieser Stelle möchte ich erklären, dass ich keine Google-Brille besitze oder jemals eine hätte betrachten oder ausprobieren können. Meine Meinung leitet sich aus zwei Überlegungen ab:

Erstens, war ich ein Jahr lang Nutzer eines Android-Smartphones. Die Interaktion mit dem Android-System mit mehreren Fingern ist schon komplex und war für mich Grund genug, es wieder abzugeben. Obwohl ich das Flagschiff von Samsung besaß, war es nicht in der Lage, bei der Navigation die richtige Strasse auf mein Kommando zu verstehen. Wieso sollte ich glauben, dass ich, in der Achterbahn sitzend, von einem Dutzend kreischender MädchenMenschen umgeben, mal eben „ok glass, take photo“ sagen könnte und das Gerät würde mich verstehen??? DAS möchte ich sehen, bevor ich es glaube. Aber auch wenn man von solchen Extremsituationen absieht, glaube ich nicht, dass Sprache alleine eine alltagstaugliche Interaktion mit der Brille erlaubt. Übrigens versteht mich Siri auch nicht wirklich…

Zweitens, gibt Google die Brille nur an eine Handvoll Auserwählte für stattliche 1500 Euro ab. Man mag das für einen Marketing-Schachzug halten. Glaube ich nicht. Warum sollte Google dieses geile Produkt, welches innerhalb von Stunden hunderttausende von Views des Marketing-Videos erzielen konnte, nicht ebenso die Brille zu hunderttausenden unter das Volk bringen? Statt dessen sucht man nach Scouts, die bereit für ein Abenteuer sind. Beim Kopieren des Apple-Smartphones war man weniger zimperlich.

Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich mich bei der Beurteilung von neuen Technologien vor allem auf meine Intuition verlasse. Diese hat mich noch nie getäuscht. Aber irgendwann passiert ja schliesslich alles zum ersten Mal. Ich lasse mich also gerne überraschen.

AR= augmented reality, angereicherte Realität